Aufstieg an der Börse: Warum Vietnam und Griechenland jetzt neue Investoren anziehen

Liebe Kundinnen und Kunden,

an den internationalen Börsen verändert sich gerade die Landkarte. Vietnam steigt vom Grenzmarkt zum Schwellenland auf, während Griechenland nach den schwierigen Jahren der Staatsschuldenkrise in die Gruppe der entwickelten Märkte zurückkehrt.

Was zunächst wie eine technische Neueinstufung klingt, kann Milliarden bewegen. Der Grund dafür liegt in der Funktionsweise großer Aktienindizes. Viele Fonds und ETFs orientieren sich an ihnen und müssen ihre Portfolios anpassen, wenn Länder oder Unternehmen neu aufgenommen, anders gewichtet oder aus einem Index entfernt werden.

Vietnam wurde am 21. September 2026 in die Schwellenländerindizes von FTSE Russell aufgenommen. Zuvor galt das Land als sogenannter Grenzmarkt und gehörte damit zu den kleineren und für internationale Anleger teilweise schwerer zugänglichen Kapitalmärkten.

Durch die neue Einordnung könnte Vietnam nach Schätzungen von FTSE Russell bis zu sechs Milliarden US-Dollar an zusätzlichem Kapital anziehen. Die Aufnahme erfolgt schrittweise bis September 2027, damit nicht plötzlich zu viel Geld auf einen vergleichsweise kleinen Aktienmarkt trifft.

Vietnam hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Produktionsstandort entwickelt. Internationale Unternehmen stellen ihre Lieferketten breiter auf und möchten ihre Abhängigkeit von einzelnen Ländern reduzieren. Das Land profitiert dabei von seiner geografischen Lage, einer wachsenden Industrie und seiner jungen Bevölkerung.

Die Aufstufung ist jedoch kein Qualitätssiegel und keine Garantie für steigende Kurse. Beschränkungen für ausländische Investoren, Währungsrisiken sowie die teilweise geringe Handelbarkeit einzelner Aktien bleiben bestehen.

Während Vietnam in die Gruppe der Schwellenländer aufsteigt, geht Griechenland noch einen Schritt weiter. Die Indexanbieter FTSE Russell, S&P Dow Jones Indices und Stoxx stufen den griechischen Aktienmarkt vom fortgeschrittenen Schwellenmarkt zum entwickelten Markt hoch. MSCI hat eine vergleichbare Neueinstufung für Mai 2027 angekündigt.

Für Griechenland ist dieser Schritt von besonderer Bedeutung. Während der Staatsschuldenkrise wurde das Land im Jahr 2013 als erster entwickelter Markt überhaupt zum Schwellenland zurückgestuft. Die aktuelle Rückkehr markiert damit auch an der Börse das Ende eines außergewöhnlichen Kapitels.

Die Heraufstufung verändert vor allem die Spielregeln für institutionelle Investoren. Griechische Aktien kehren unter anderem in entwickelte europäische Marktindizes zurück. Fonds und ETFs, die diese Indizes nachbilden, müssen ihre Zusammensetzung entsprechend anpassen. Analystenschätzungen zufolge könnten allein die Aufnahme in den Stoxx Europe 600 und weitere europäische Indizes rund eine Milliarde Euro zusätzlich in griechische Aktien lenken.

Für einen großen Aktienmarkt wäre diese Summe vergleichsweise überschaubar. In Athen kann sie jedoch einen deutlichen Unterschied machen. Die acht griechischen Unternehmen, die in den Stoxx Europe 600 aufgenommen werden, erreichen zusammen eine Marktkapitalisierung von rund 66 Milliarden Euro.

Die Athener Börse hat bereits eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich. Der griechische Leitindex legte innerhalb der vergangenen vier Jahre um rund 229 Prozent zu. Seit Beginn des Jahres 2026 kamen weitere 25 Prozent hinzu. Trotz dieser Entwicklung gelten zahlreiche griechische Aktien im europäischen Vergleich weiterhin als moderat bewertet.

Besonders stark ist der griechische Aktienmarkt durch Banken geprägt. Zu den größten börsennotierten Unternehmen gehören die National Bank of Greece, Eurobank, Piraeus Bank und Alpha Bank. Im künftig simulierten MSCI-Greece-Index könnten die vier großen Banken gemeinsam rund 80 Prozent des Gewichts ausmachen.

Diese Konzentration ist Chance und Risiko zugleich. Eine positive Entwicklung des griechischen Bankensektors kann den Gesamtmarkt deutlich unterstützen. Schwierigkeiten bei einzelnen Instituten oder in der griechischen Wirtschaft könnten sich jedoch ebenfalls überproportional auf den Index auswirken.

Für Anleger entsteht vorübergehend eine Besonderheit: Griechenland wird bereits in mehrere Indizes für entwickelte Märkte aufgenommen, bleibt bis zur MSCI-Umstellung im Mai 2027 aber gleichzeitig Bestandteil wichtiger Schwellenländerindizes. Dadurch kann für einige Monate Nachfrage von beiden Seiten entstehen.

Ein großer Teil dieser Nachfrage erfolgt allerdings mechanisch. Passive Fonds kaufen griechische Aktien nicht zwingend, weil ein Fondsmanager plötzlich besonders optimistisch ist. Sie kaufen sie, weil sich die Zusammensetzung des zugrunde liegenden Index verändert hat.

Wer bereits einen breit aufgestellten europäischen ETF oder Fonds besitzt, könnte künftig automatisch einen kleinen Anteil griechischer Aktien im Portfolio halten. Griechenland dürfte in europäischen Indizes zunächst jedoch nur ungefähr 0,4 Prozent ausmachen. Für das Gesamtportfolio der meisten Anleger bleibt der unmittelbare Effekt daher gering.

Langfristig könnte die Aufstufung dennoch wichtig sein. Eine größere internationale Investorenbasis kann den Handel mit griechischen Aktien erleichtern, die Liquidität erhöhen und möglicherweise die Risikoaufschläge griechischer Unternehmen reduzieren. Das könnte ihnen künftig auch die Aufnahme neuen Kapitals erleichtern.

Die Entwicklungen in Vietnam und Griechenland zeigen, dass Indizes die Finanzmärkte nicht nur abbilden. Durch die enormen Summen, die in indexorientierten Fonds und ETFs investiert sind, können Änderungen der Zusammensetzung selbst neue Kapitalbewegungen auslösen.

Eine Aufstufung ist dennoch kein automatisches Kaufsignal. Ein Teil der erwarteten Zuflüsse kann bereits in den Kursen enthalten sein. Darüber hinaus bleiben die wirtschaftliche Entwicklung, die Qualität der Unternehmen, die Bewertungen und die jeweiligen politischen sowie währungsbedingten Risiken entscheidend.

Für langfristig orientierte Anleger unterstreichen beide Beispiele deshalb vor allem die Bedeutung einer breiten Streuung. Wer über verschiedene Länder, Regionen und Branchen investiert, kann an der Entwicklung neuer und zurückkehrender Börsenmärkte teilhaben, ohne den Anlageerfolg von einem einzelnen Land abhängig zu machen.

Herzliche Grüße

Ihr Team der
Müller & Veith Investment GmbH

Diese Veröffentlichung dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt weder eine individuelle Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf bestimmter Finanzinstrumente dar.

(Quellen: Handelsblatt, Börse Global)

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