Schlechte Nachrichten, steigende Kurse: Was Zinsen mit Ihrem Depot machen

Schwächere Wirtschaftsdaten und steigende Aktienkurse scheinen auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen. Wenn weniger Arbeitsplätze entstehen oder die Konjunktur an Schwung verliert, müssten doch auch die Aussichten für Unternehmen schlechter werden. An der Börse können solche Nachrichten trotzdem für Erleichterung sorgen. Entscheidend ist, welche Erwartungen sie an die künftige Zinspolitik auslösen.

Genau dieser Zusammenhang zeigte sich zuletzt in den USA: Schwächer als erwartete Arbeitsmarktdaten dämpften die Erwartungen an eine weitere Zinserhöhung im Oktober und unterstützten die Aktienmärkte. Gleichzeitig liegen die Renditen wichtiger Staatsanleihen nahe mehrjährigen Höchstständen. Die Märkte bewegen sich damit zwischen der Hoffnung auf eine weniger restriktive Geldpolitik und den Belastungen durch hohe Finanzierungskosten.

Warum schwächere Wirtschaftsdaten Aktien stützen können

Zentralbanken versuchen, Preisstabilität zu sichern. Steigen die Preise zu stark, können höhere Leitzinsen dazu beitragen, die Nachfrage zu bremsen. Kredite werden tendenziell teurer, Investitionen schwieriger und größere Anschaffungen weniger attraktiv. Dadurch kann der Preisdruck nachlassen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass auch die wirtschaftliche Entwicklung gebremst wird.

Zeigen neue Daten eine Abkühlung der Wirtschaft, kann aus Sicht der Marktteilnehmer die Notwendigkeit weiterer Zinserhöhungen sinken. Die Hoffnung auf eine Zinspause oder spätere Zinssenkungen kann dann zunächst stärker wirken als die Sorge über die schwächere Konjunktur.

Für Unternehmen ist das relevant, weil Zinsen ihre Finanzierung beeinflussen. Wer neue Produktionsanlagen baut, Übernahmen finanziert oder bestehende Schulden refinanzieren muss, spürt höhere Kreditkosten unmittelbar. Bleiben zusätzliche Zinserhöhungen aus, kann das die erwartete Belastung begrenzen.

Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Bei der Bewertung einer Aktie betrachten Anleger auch die Gewinne, die ein Unternehmen voraussichtlich in den kommenden Jahren erwirtschaftet. Diese zukünftigen Erträge werden auf ihren heutigen Wert umgerechnet. Höhere Zinsen verringern diesen rechnerischen Gegenwartswert, niedrigere Zinsen erhöhen ihn unter sonst gleichen Bedingungen. Besonders empfindlich reagieren deshalb häufig Unternehmen, bei denen ein großer Teil der erwarteten Gewinne weit in der Zukunft liegt.

Die Börse wartet dabei nicht auf die tatsächliche Zinsentscheidung. Schon eine Veränderung der Erwartungen kann Kurse bewegen.

Entscheidend ist die Überraschung

Ob eine Nachricht die Börse bewegt, hängt auch davon ab, was zuvor erwartet wurde. Eine schwache Wirtschaftszahl kann positiv aufgenommen werden, wenn Anleger mit einem noch schlechteren Ergebnis gerechnet haben. Umgekehrt können solide Zahlen enttäuschen, wenn die Erwartungen besonders hoch waren.

Deshalb reicht es nicht, eine Schlagzeile als „gut“ oder „schlecht“ einzuordnen. Entscheidend sind die Abweichung von den Erwartungen und die möglichen Folgen für Zinsen, Unternehmensgewinne und Risikobereitschaft.

Der positive Effekt schwächerer Daten hat allerdings Grenzen. Verliert die Wirtschaft zu stark an Dynamik, können Aufträge ausbleiben, Umsätze sinken und Kreditausfälle zunehmen. Dann kann die Sorge vor einer Rezession schwerer wiegen als die Hoffnung auf niedrigere Zinsen. Schlechte Nachrichten sind deshalb kein verlässliches Kaufsignal.

Hohe Anleiherenditen verändern die Anlageentscheidung

Parallel zur Zinsdebatte verdienen die Anleihemärkte Aufmerksamkeit. Laut Reuters tragen derzeit unter anderem Sorgen um Staatsfinanzen, umfangreiche Neuverschuldung und hohe Energiekosten zu den erhöhten Renditen wichtiger Staatsanleihen bei.

Höhere Anleiherenditen verändern die Auswahlmöglichkeiten für Anleger. Wenn sich mit einem vergleichsweise risikoarmen Zinspapier wieder höhere Erträge erzielen lassen, steigt der Anspruch an die erwartete Rendite einer Aktienanlage. Schließlich gehen Anleger bei Aktien zusätzliche Risiken ein und erwarten dafür einen entsprechenden Mehrertrag.

Für Unternehmen können höhere Renditen am Anleihemarkt außerdem bedeuten, dass neue Schulden teurer werden. Besonders relevant ist das für Unternehmen, die hohe Verbindlichkeiten haben oder in nächster Zeit größere Beträge refinanzieren müssen. Die Auswirkungen verteilen sich deshalb unterschiedlich über Branchen und Geschäftsmodelle.

Warum steigende Renditen bestehende Anleihen belasten

Bei Anleihen ist es wichtig, zwischen dem vereinbarten Zins und der aktuellen Marktrendite zu unterscheiden. Der Zins einer klassischen festverzinslichen Anleihe bleibt während ihrer Laufzeit unverändert. Ihr Börsenkurs kann dagegen schwanken.

Ein vereinfachtes Beispiel: Eine bestehende Anleihe zahlt jährlich drei Prozent Zinsen. Vergleichbare neu ausgegebene Anleihen bieten inzwischen vier Prozent. Das ältere Papier ist damit zu seinem ursprünglichen Preis weniger attraktiv. Sein Kurs muss grundsätzlich sinken, damit ein Käufer über den niedrigeren Einstiegspreis eine konkurrenzfähige Rendite erzielen kann.

Sinken die Marktrenditen, funktioniert dieser Zusammenhang umgekehrt: Bestehende Anleihen mit einer höheren festen Verzinsung werden attraktiver und können im Kurs steigen.

Wie stark eine Anleihe reagiert, hängt unter anderem von ihrer Restlaufzeit und den Zahlungsbedingungen ab. Papiere mit längerer Laufzeit reagieren meist stärker auf Zinsänderungen. Auch Anleihefonds können deshalb zwischenzeitlich an Wert verlieren. Ihre Entwicklung hängt unter anderem davon ab, welche Laufzeiten und Schuldner im Portfolio vertreten sind.

Hohe Rendite bedeutet nicht automatisch hohe Sicherheit

Eine hohe Anleiherendite kann attraktiv erscheinen. Sie kann aber auch darauf hinweisen, dass Anleger für zusätzliche Risiken entschädigt werden wollen. Dazu gehören eine schwächere Bonität des Schuldners, eine lange Laufzeit oder eine geringe Handelbarkeit.

Bei Fremdwährungsanleihen kommt das Wechselkursrisiko hinzu. Eine positive Entwicklung in der jeweiligen Währung kann für einen Anleger in Euro durch ungünstige Währungsbewegungen teilweise oder vollständig aufgezehrt werden.

Auch der Unterschied zwischen nominaler und realer Rendite ist wichtig. Die nominale Rendite beschreibt den Ertrag ohne Berücksichtigung der Inflation. Für den tatsächlichen Kaufkraftzuwachs müssen Preissteigerungen sowie Kosten und Steuern berücksichtigt werden.

Was bedeutet das für Ihr Depot?

Aktien und Anleihen sollten im Zusammenhang betrachtet werden. Eine schwächere Konjunktur kann die Erwartungen an die Zinspolitik verändern und Aktien kurzfristig stützen. Hohe Anleiherenditen können gleichzeitig neue Ertragsmöglichkeiten bieten, bestehende Anleihekurse belasten und die Finanzierung von Unternehmen verteuern.

Dabei bewegen sich Leitzinsen und langfristige Anleiherenditen nicht zwangsläufig im Gleichschritt. Selbst wenn eine Zentralbank die Zinsen unverändert lässt oder senkt, können langfristige Renditen steigen, etwa wenn Anleger höhere Inflation erwarten oder zusätzliche Risiken bei einem Schuldner sehen.

Für die Depotgestaltung kommt es deshalb darauf an, welche Aufgabe eine Anlage erfüllen soll. Wird das Geld in absehbarer Zeit benötigt? Soll es laufende Erträge liefern? Oder steht langfristiges Wachstum im Vordergrund? Diese Fragen helfen dabei, Aktienanteil, Anleihelaufzeiten und verfügbare Liquidität aufeinander abzustimmen.

Bei Müller & Veith betrachten wir diese Zusammenhänge im Rahmen eines ganzheitlichen Anlagekonzepts. Persönliche Ziele, Anlagehorizont und Risikobereitschaft bilden die Grundlage. Aktuelle Marktnachrichten helfen bei der Einordnung. Die langfristige Ausrichtung des Depots ergibt sich aus der individuellen Lebens- und Finanzplanung.

(Quellen: tagesschau, Bundesbank)

Wir tun nicht nur das, was wir können – wir können auch das, was wir tun.

×

Gesprächstermin anfragen