Der ETF-Irrtum: Ein Index ist noch keine Anlagestrategie

Wer einen ETF auf den MSCI World kauft, investiert breit gestreut in die Welt. So lautet zumindest die weitverbreitete Vorstellung. Grundsätzlich ist daran auch vieles richtig: Der Index bündelt eine große Zahl internationaler Unternehmen, ist transparent aufgebaut und lässt sich vergleichsweise kostengünstig abbilden.

Der eigentliche Irrtum besteht deshalb nicht darin, dass ETFs schlechte Anlageprodukte wären. Problematisch wird es vielmehr, wenn ein einzelner ETF mit einer vollständigen Anlagestrategie gleichgesetzt wird.

Wie viel „Welt“ steckt im MSCI World?

Der Name klingt umfassender, als der Index tatsächlich ist. Zum 30. Juni 2026 umfasste der MSCI World 1.283 große und mittelgroße Unternehmen aus 23 entwickelten Industrieländern. Schwellenländer und kleinere Unternehmen sind nicht enthalten.

Hinzu kommt eine deutliche Konzentration:

Wer in den MSCI World investiert, setzt deshalb nicht gleichmäßig auf die gesamte Weltwirtschaft. Anleger investieren vor allem in die aktuell größten börsennotierten Unternehmen der entwickelten Länder und zu einem erheblichen Teil in den US-amerikanischen Aktienmarkt.

Das ist nicht automatisch negativ. Viele dieser Unternehmen sind global tätig, erwirtschaften ihre Umsätze weltweit und haben in den vergangenen Jahren wesentlich zur positiven Entwicklung der Aktienmärkte beigetragen. Anleger sollten sich jedoch bewusst sein, welche Schwerpunkte sie tatsächlich in ihrem Depot haben.

Marktkapitalisierung ist keine neutrale Gewichtung

Der MSCI World gewichtet Unternehmen nach ihrer Börsengröße. Steigt der Wert eines Unternehmens besonders stark, nimmt automatisch auch dessen Anteil im Index zu. Erfolgreiche Unternehmen erhalten somit ein immer größeres Gewicht.

Dieses Prinzip ist einfach, nachvollziehbar und kosteneffizient. Es führt jedoch dazu, dass Anleger besonders stark in jene Regionen, Branchen und Unternehmen investieren, die in der Vergangenheit bereits stark gestiegen sind.

Ein ETF prüft dabei nicht, ob eine Aktie aktuell günstig oder teuer bewertet ist. Er hinterfragt auch nicht, ob ein Geschäftsmodell langfristig tragfähig ist oder ob sich Risiken innerhalb einer Branche aufbauen. Er bildet lediglich die festgelegten Regeln seines Index ab.

Welche Strategie steckt hinter dem Depot?

Eine wirkliche Anlagestrategie beginnt daher nicht mit der Frage, welcher ETF aktuell besonders beliebt oder günstig ist. Sie beginnt mit den persönlichen Zielen des Anlegers.

Wie lange soll das Geld investiert bleiben? Welche zwischenzeitlichen Verluste können finanziell und emotional ausgehalten werden? Wird ein Teil des Vermögens in den kommenden Jahren benötigt? Welche Rolle sollen Anleihen, Liquidität oder andere Anlageklassen spielen? Und wie soll reagiert werden, wenn einzelne Regionen oder Branchen im Depot immer dominanter werden?

Ein einzelner Aktien-ETF kann diese Fragen nicht beantworten. Er kann ein wichtiger Bestandteil der Strategie sein, ersetzt jedoch weder die persönliche Vermögensplanung noch eine regelmäßige Überprüfung des Portfolios.

Breiter investieren bedeutet nicht automatisch komplizierter investieren

Eine mögliche Alternative ist ein Index, der neben den entwickelten Ländern auch Schwellenländer berücksichtigt. Der MSCI ACWI umfasste zum 30. Juni 2026 beispielsweise 2.461 Unternehmen aus 23 entwickelten Ländern und 24 Schwellenländern. Der Anteil der USA lag mit rund 63,6 Prozent niedriger als beim MSCI World, blieb aber weiterhin deutlich dominant.

Je nach persönlicher Ausgangslage können auch andere Lösungen sinnvoll sein. Dazu gehören eine separate Ergänzung von Schwellenländern und kleineren Unternehmen, eine ausgewogenere regionale Gewichtung oder die Kombination passiver und aktiv gemanagter Anlagen.

Dabei geht es nicht darum, das Depot mit möglichst vielen Produkten zu füllen. Mehr Fonds bedeuten nicht automatisch eine bessere Streuung. Entscheidend ist, dass sich die einzelnen Anlagen sinnvoll ergänzen und gemeinsam zur persönlichen Risikobereitschaft sowie zum geplanten Anlagezeitraum passen.

Aktiv oder passiv ist keine Glaubensfrage

Die Diskussion wird häufig auf die Frage reduziert, ob aktive Fonds oder ETFs grundsätzlich besser sind. Aus unserer Sicht greift diese Gegenüberstellung zu kurz.

ETFs können eine kostengünstige und transparente Grundlage für den langfristigen Vermögensaufbau bilden. Aktive Fonds können wiederum dort sinnvoll sein, wo ein Fondsmanagement bewusst auf Bewertungen, Risiken, Qualität oder besondere Marktchancen reagieren soll.

Eine durchdachte Anlagestrategie kann deshalb vollständig passiv, vollständig aktiv oder aus einer Kombination beider Ansätze bestehen. Entscheidend ist nicht das Etikett des Produktes, sondern seine Aufgabe innerhalb des Gesamtportfolios.

Unser Fazit

Der MSCI World ist kein schlechter Index. Für viele langfristig orientierte Anleger kann ein entsprechender ETF eine sinnvolle Basis darstellen. Er ist jedoch weder die gesamte Welt noch automatisch die passende Lösung für jedes Anlageziel.

Der eigentliche ETF-Irrtum besteht darin, ein einzelnes Produkt mit einer fertigen Strategie zu verwechseln.

Nicht der bekannteste Index oder die niedrigsten Produktkosten entscheiden allein über den langfristigen Anlageerfolg. Wichtig ist ein Portfolio, das zu den persönlichen Zielen passt, ausreichend breit aufgestellt ist und auch in unruhigen Marktphasen durchgehalten werden kann.

Denn eine gute Geldanlage beginnt nicht beim Produkt, sondern beim Menschen, der darin investiert.

(Quelle: thepioneer)

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